Welche Hilfe beim Sterben wollen wir?

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Hermann Kirchmann berichtet von der gleichnamigen Tagung, die am 30. Januar und 1. Februar in Villigst stattgefunden hat.

SCHWERTE - Wenn es nach Richard Smith, den ehemaligen Chefredakteur der angesehenen Fachzeitschrift British Medical Journal geht, wären „Liebe, Morphium und Whisky“ die besten Hilfen. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Villigst in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Hospiz- und PalliativVerband machte Ende Januar 2015 jedoch deutlich, dass es um mehr geht: Umfassende Verbesserungen in der palliativen Versorgung sind notwendig, damit ein würdevolles Sterben für alle möglich wird. Seit über drei Jahrzehnten bemüht sich die Hospizbewegung, Sterbenden und ihren Angehörigen ein würdevolles Lebensende zu ermöglichen. Mittlerweile gibt es über 1.500 ambulante Hospizdienste sowie 250 stationäre Hospize (Stand Ende 2014).

Allerdings verfügt nur jedes zehnte Krankenhaus über eine Palliativstation. In der ambulanten und palliativen Versorgung gibt es Defizite, die für den angesehenen Palliativmediziner Johann-Christoph Student Ausdruck einer „Verwilderung des Todes“ sind. Die Zustände haben im November 2014 auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe alarmiert. CDU/CSU und SPD setzen sich in einer gemeinsamen Initiative für die Verbesserung der palliativen Versorgung ein. Die Initiative bildet auch den Kern eines Positionspapiers der Unionsfraktion zum Thema Sterbebegleitung und Sterbehilfe.

Ebenso wie die Parlamentsdebatte vom 13. November 2014 war auch der Diskurs in der Akademie Villigst von zwei Schwerpunkten bestimmt: den Grenzen und Möglichkeiten von Sterbehilfe sowie der Sterbebegleitung. Edith Droste, Kuratorin und Moderatorin der Tagung stellte fest, dass Sterbehilfe und Sterbebegleitung eine grundlegende Herausforderung an das Menschenbild der Gesellschaft darstellen. Angesichts einer sich immer mehr fragmentierenden Gesellschaft mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen und Moralvorstellungen wirbt Droste für einen verstärkten öffentlichen Diskurs um Sterbehilfe und Sterbebegleitung. Sie plädiert für eine Kultur der Sorge, des Hinhörens, Hinschauens und Hinspürens, die für jeden auch eine persönliche Herausforderung ist – wie hält er es selbst mit dem Sterben?

Den Reigen der namhaften Referenten eröffnete Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für theologische Ethik und Ethik sozialer Professionen. Auch wenn religiöse Argumente in der Öffentlichkeit unter Druck stehen ist für Lob-Hüdepohl in der Diskussion um Sterbehilfe und Sterbebegleitung ein Rückbezug auf das christliche Menschenbild entscheidend. Das Leben sei nicht nur Gott gegeben und aufgegeben, sondern auch mit der Zumutung verbunden, es lebensdienlich zu gestalten, in hütender Sorge für sich und andere. Die Unverfügbarkeit des Lebens verbietet es, ein Leben vorzeitig zu beenden. Die „Heiligkeit des Lebens“ ist eng verbunden mit der unantastbaren Würde des Menschen als Ausdruck seiner Unverfügbarkeit für Dritte. Lob-Hüdepohl bezieht sich dabei am Karl Rahner, für den der Mut zur religiösen Wahrheit eine spezifische Form christlicher Wahrhaftigkeit ist.

Dr. Frank Niggemeier, Leiter des Referats „Ethik im Gesundheitswesen“ im Bundesgesundheitsministerium, stellte fest, dass es bei der gegenwärtigen Gesetzgebungsdiskussion nicht darum gehe, die Tötung auf Verlangen – die sogenannte aktive Sterbehilfe – zu legalisieren. Niggemeier zitierte zustimmend den Verfassungsrichter a.D. de Fabio, der die Gefahr sieht, dass ein Recht auf aktive Sterbehilfe den Umgang mit dem Leben grundsätzlich verändern würde. In der Diskussion solle darauf geachtet werden, dass es nicht nur um das Recht auf Selbstbestimmung des Einzelnen geht, sondern auch darum, was eine Gesellschaft moralisch prägt. Diese Prägung findet für Niggemeier in den „Ewigkeitsklauseln“ des Grundgesetzes seinen Ausdruck. Nach Art. 79 Abs. 3 des Grundgesetzes haben die Menschenwürde sowie das Sozialstaatprinzip eine verfassungsrechtlich herausgehobene Bedeutung. Gesetzlich nicht geregelt ist die Beihilfe zur Selbsttötung, auch „assistierter Suizid“ genannt, durch wenn sie auch immer geschieht. Der Gesetzgeber, so Dr. Niggemeier, könne sich dabei auf den französischen Philosophen und Staatsrechtler Charles Baron de Montesquieu beziehen. In seinem Werk „Vom Geist der Gesetze“ kam Montesquieu zu der Erkenntnis: „Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen.“ Die parlamentarische Debatte um die Sterbehilfe hat für Niggemeier ein „window of opportunity" geöffnet für die Initiative der Regierungsfraktionen zur Verbesserung der palliativen Versorgung.

Die Diskussion um Sterbebegleitung und Sterbehilfe ist aber nicht nur ein deutsches Thema. Auch in anderen europäischen Ländern wird seit Jahrzehnten zum Teil erbittert darum gerungen, ob der Einzelne gegenüber der Solidargemeinschaft das Recht hat, seine Tötung zu verlangen. In den Benelux-Staaten dürfen Ärzte aktive Sterbehilfe leisten, wenn ein Patient ein Verlangen nach Sterbehilfe unbeeinflusst, freiwillig, wohlüberlegt und andauernd ausspricht. Der Arzt hat zu prüfen und bestätigen, dass der fragende Patient unerträglich und andauernd leidet und nicht zu heilen ist. Aktive Sterbehilfe darf nur ein Arzt leisten, Krankenschwestern oder Verwandte machen sich strafbar.

Gerbert van Loenen, Journalist und Autor des Sachbuchs „Das ist doch kein Leben mehr!“ setzte sich kritisch mit der Praxis der Sterbehilfe in den Niederlanden auseinander. Die Mehrheit der Niederländer sei mit der derzeitigen gesetzlichen Regelung zwar zufrieden, allerdings sei immer öfter ein gesellschaftliches Klima spürbar, in dem der Lebenswert von Kranken und Behinderten offen infrage gestellt werde. Van Loenen berichtete über nachgewiesene Fälle unverlangter Sterbehilfe, etwa bei Neugeborenen oder bei schwer Dementen. Die Befürchtung, versehentlich euthanisiert zu werden, hat inzwischen dazu geführt, dass Holländer eine so genannte Credo Card mit der Aufschrift „Maak mij niet dood, Doktor“ (Töte mich nicht, Doktor) bei sich tragen. Für van Loenen hat die Sterbehilfepraxis der Niederlande auf Abwege geführt – diese Erfahrungen sollten andere Lände r beherzigen.

Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, sprach sich – wie die meisten Teilnehmer der Tagung – gegen eine aktive Sterbehilfe aus. Seiner Erfahrung nach kann die erlaubte passive Sterbehilfe (das Unterlassen, Beenden oder Begrenzen einer lebenserhaltenden Maßnahme) und die erlaubte indirekte Sterbehilfe (wenn ein aus ärztlicher Sicht notwendiges, schmerzlinderndes und/oder bewusstseinsdämpfendes Medikament bei einem tödlich Kranken oder Sterbenden als unbeabsichtigte und unvermeidbare Nebenfolge dessen Tod herbeiführt) dem Patienten ein würdiges Sterben ermöglichen. Dennoch gibt es immer wieder Einzelfälle, in denen selbst ein Spezialist das Leiden des Patienten nicht ausreichend lindern kann, so dass ein Sterbewunsch bestehen bleibt. In einem solchen Fall befinde sich der Arzt in einem Dilemma: Einerseits ist das Wohl des Patienten höchstes ärztliches Gebot, andererseits verlangt die „Garantenpflicht“ das Leben eines Patienten zu erhalten. In solchen Extremfällen sollte der Arzt seinem Gewissen folgen dürfen und keine rechtlichen oder standesrechtlichen Sanktionen fürchten müssen, meint Windhorst, der damit auch die Zustimmung von Dr. Niggemeier und anderen Tagungsgästen fand.

Dr. med. Jan Schildmann, Medizinethiker, folgte den Überlegungen von Dr. Windhorst: Tötung dürfe nicht zur Aufgabe von Ärzten werden. Er kritisierte aber auch den Vorschlag von Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery, der in einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte: „Lassen Sie es doch den Klempner oder den Apotheker oder den Tierarzt machen, aber nicht eben den Arzt.“ Schildmann stellte die Ergebnisse einer vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum durchgeführten empirischen Studie über die Haltung von Ärzten zur Sterbehilfe vor. Nur eine Minderheit der mehr als 700 befragten Ärztinnen und Ärzte würden das vom Vorstand der Bundesärztekammer unterstützte berufsrechtliche Verbot befürworten. Innerhalb der Ärzteschaft gebe es, wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch, unterschiedliche Werthaltungen zu kontroversen ethischen Themen. Dieser Wertepluralismus, warnte Schildmann, gerate durch Montgomery in Gefahr, der in der Debatte um Sterbehilfe auf konservativen Kräfte setzt und die Musterberufsordnung verschärfen ließ. Seither heißt es dort, Ärzte „dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“. Die Mediziner gehen damit in ihrem Berufsrecht weiter als der Gesetzgeber. Denn nach dem Strafrecht wird die mögliche Beihilfe eines Arztes nicht geahndet, da der Suizid selbst nicht strafbar ist.

Nachdem die grundlegenden Perspektiven der Sterbehilfe und Sterbebegleitung aus gesellschaftlicher politischer, theologischer und medizinischer Sicht beleuchtet wurden, konfrontierten vier Workshops die Theorie mit der Praxis. Dr. Marianne Kloke, Dr. Christine Ohl, Dr. Arnd T. May und Christine Jung-Borutta berichteten aus ihrer jeweiligen Praxis, wie Sterbehilfe und Sterbebegleitung gelingen kann: Was tun, wenn das Leid unerträglich wird, wenn für das Sterben Vorsorge getroffen werden muss, wenn der Wunsch nach Lebensbeendigung besteht? Für viele Teilnehmer der Fachtagung ergab sich damit die Möglichkeit, sich selbst in die Diskussion einzubringen. Bewegend war der Erfahrungsaustausch mit eigenen Sterbeerfahrungen. Eindringlich die Fragen eines an Demenz erkrankten Teilnehmers der Veranstaltung: „Was kann ich jetzt noch tun, um in Würde sterben zu können?“

Abgeschlossen wurde die dreitägige Veranstaltung mit zwei Grundsatzreferaten von Prof. Traugott Roser und Ulrich Lilie. Traugott Roser, Professor für Theologie und Religionspädagogik sowie Mitherausgeber der Zeitschriften „Palliativmedizin“ und „Spiritual Care“, plädierte für ein Leben im Sterben, für die Annahme des Sterbens als Teil der eigenen Biografie. Von zentraler Bedeutung ist für Roser das Verständnis vom Sterben: ist es Teil des Lebens oder ist es Teil des Todes? Das Signum der modernen Gesellschaft, frei wählen zu können, erfasst auch das Lebensende des Menschen: Er kann und muss sich entscheiden, wie lange er wie leben will. Die Entscheidung, die jeder zu treffen hat, ist keine leichte wie auch das Sterben keine leichte Aufgabe ist. Die Ambivalenz und Zerrissenheit, in der sich die Menschen am Lebensende befinden, bedarf einer Klärung. Seelsorge hat die Aufgabe, die Ambivalenzen zu erkennen, hat den Lebensmüden wie den Lebenssatten angemessen zu begleiten. Die Diskussion um Sterbehilfe und Sterbebegleitung, so Roser, werde für ihn zu oft auf die ärztliche Beratungssituation reduziert. Die palliative Versorgung habe durch die Fortschritte in der Schmerztherapie beachtliche Fortschritte erzielt. Den spirituellen Bedürfnissen werde man aber nur unzureichend gerecht, obwohl nach dem Verständnis der WHO die Berücksichtigung spiritueller Bedürfnisse zur palliativen Versorgung dazu gehören.

Ulrich Lilie, Präsident Diakonie Deutschland, stellte fest, in der Debatte gehe es um Lebensqualität am Lebensende, nicht um Lebensverlängerung oder Lebensverkürzung. Es gibt, so Lilie, in unserer Gesellschaft nur wenige Orte für ein gutes Sterben. Meist findet es in abgeschlossenen Räumen statt: in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die Gesellschaft, die Familien, der Einzelne ist auf das Sterben ebenso wenig vorbereitet wie die Einrichtungen des Gesundheitswesens. Am Lebensende werden Sterbende allzu oft Opfer der „Drehtür-Medizin“ – von Pflegeheimen werden Sterbende in die Notfallaufnahmen der Krankhäuser überwiesen, von den Krankenhausstationen wieder in die Pflegeeinrichtungen, solange bis das Leben zu Ende ist. Wie gering das Bewusstsein über das Sterben als Teil des Lebens ist, zeigt auch der Prüfkatalog des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) zur Qualitätsbeurteilung von Pflegeeinrichtungen. Von den insgesamt 82 Fragen des Assessments beschäftigt sich nur eine einzige Frage mit dem Sterben: „Gibt es ein Konzept für Sterbebegleitung?“. Es wird nicht gefragt, wie die Sterbebegleitung erfolgt, welche Rolle und Aufgabe Seelsorgern, Hospizvereinen und anderen zugewiesen wird. Für Ulrich Lilie steht die ständige Verletzung des Rechts auf Selbstbestimmung und Menschenwürde schon viel länger zur Diskussion als die Frage der Sterbehilfe. Viele Menschen, so Ulrich Lilie, sterben einen unsozialen Tod: „Der Scheinwerfer der Debatte muss sich ändern, auf das tatsächliche Problem richten“, forderte Lilie.

Dr. Frank Niggemeier griff die Forderung von Ulrich Lilie auf. Er plädierte für einen umfassenden Blick auf das Lebensende. Die Stärkung der Suizidprävention, der palliativen Versorgung und das Verbot der organisierten, gewerblich betriebenem Sterbehilfe sind für Niggemeier ein Komplex, um der Würde des Menschen und den Ansprüchen, die das GG stellt, gerecht zu werden. Da die Betroffen in der Regel selbst nicht mehr in der Lage sind, ihre Rechte einzufordern, sind sie auf das anwaltschaftliche Handeln der Solidargemeinschaft angewiesen. Die Erfahrung zeige dabei, dass ein breites öffentliches Bewusstsein notwendig ist, um die vielen guten und interessanten Ansätze der Sterbebegleitung und Sterbehilfe weiter auszubauen.

Dr. Peter Markus, Leiter der Evangelischen Akademie Villigst, und Edith Droste als Kuratorin und Moderatorin der Veranstaltung, haben das „window of opportunity“, das mit der Debatte im Deutschen Bundestag am 13. November 2014 über Sterbebegleitung und Sterbehilfe geöffnet wurde, klug genutzt. Die Referenten haben nicht nur aus ihrer Sicht die Komplexität des Themas deutlich gemacht, sondern auch dazu beigetragen, den Fokus der Debatte neu auszurichten: Es geht um die Verbesserung der Lebensqualität am Lebensende. Zu viele Menschen sterben in unserer reichen Gesellschaft in unwürdigen Verhältnissen.

Nach dem dreitätigen Marathon über das Sterben wäre zu vermuten gewesen, dass die Teilnehmer der Fachtagung eher beschwert die Rückreise antreten würden. Es ist als Verdienst aller zu sehen, dass die dreitätige Veranstaltung bereichernd, erhellend und ermutigend war.

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